Gina's Geschichte

Wie im Vorjahr wollten wir 2002 einen ruhigen, gemütlichen Sommer in den Abruzzen verbringen.
Aber es kam ganz anders. Schon bei unserer Ankunft lernten wir im Hafen von Roseto Luna kennen.

Sie war dort schwanger ausgesetzt worden und hatte sich mit Fische stehlen und betteln durchgeschlagen. Eher schlecht als recht, sie sah ziemlich abgemagert aus.
Eigentlich wollten wir ihr nichts zum Fressen geben. Wir wußten, dass sich ausgesetzte Tiere sofort an Menschen binden, die sie füttern. Abends jedoch, als wir von einem Bootsausflug aufs Meer in den Hafen zurückkamen, stand Luna mit hungrig bittenden Augen vor uns am Kai. Da konnten wir nicht weggehen um zu essen. Also sind wir gleich los und haben für sie Futter eingekauft, das sie gierig verschlang. Man sagt Hunde können nicht sprechen - nicht mit Worten, aber der Blick aus ihren Augen sagte "danke".

Von da an gingen wir jeden Tag in den Hafen und kümmerten uns um Luna, die uns nicht mehr von der Seite wich.
Nachdem die Meinungen der anderen Hafenbesucher bezüglich der Trächtigkeit (wann kommen wohl die Babys - gibt es überhaupt welche?) sehr weit auseinander gingen, haben wir sie ins Auto gepackt und sind zum Tierarzt gefahren. Der meinte, es würde nur wenige Tage dauern bis zur Geburt und es sei aussichtslos in der Umgebung Plätze für Luna und die Welpen zu finden.
Wir überlegten, was nun zu tun wäre. Erst dachten wir, wir nehmen Luna mit in unsere Wohnung, aber der Tierarzt empfahl uns, sie in der gewohnten Umgebung zu lassen, so kurz vor der Geburt. Das sei besser für sie, weil sie das Gelände gut kenne und sich dort wohl fühle. Also ließen wir sie dort und verbrachten die nächsten Tage in ihrer Nähe.

Der 9. August 2002 war ein wunderschöner Sommertag - sehr heiß. Wir verließen früh morgens unsere Wohnung in einem Dorf auf den Hügeln von Roseto und sind zum Hafen gefahren. Luna hat uns auch gleich begrüßt, war aber kurz darauf nicht mehr auffindbar. Die Freunde an der Hafenbar meinten, dass sie jetzt wohl die Babys bekommen würde. Das sei immer so, dass werfende Hündinnen an einen vorher ausgesuchten Platz gingen. So haben wir sie alle gemeinsam gesucht und auch gefunden. Sie hatte sich einen geschützten Platz neben einem alten Boot bei einem Neubau auf dem Gelände gesucht.

Während unserer Suche änderte sich das Wetter und es brach ein mächtiges Gewitter los. Fast zeitgleich fing die Geburt an.

Gina wurde als 3. Baby geboren.


Nie werden wir den Augenblick vergessen, wie das kleine, schwarz-weiße Etwas zur Welt kam. Mama Luna hat den ganzen Kerl dann ins Maul genommen und wir dachten schon (man hat ja so die eine oder andere Schauergeschichte schon einmal gehört), jetzt frisst sie den Welpen auf. Was natürlich Quatsch war. Sie trennte mit einem gezielten Biss die Nabelschnur durch und es fiel die kleine Gina, trocken geleckt - ein fertiger Hund - neben die Mama und krabbelte sofort an die dickste Zitze zum Trinken.

Dieser Moment hat unser Hundeweltbild komplett verändert. Erst jetzt wurde uns bewusst, wie gezielt die Hunde zubeissen können. Die dünne Nabelschnur, kurz vor dem Welpenbauch, mit einem kräftigen Biss zu durchtrennen, ohne das Baby dabei zu verletzen.

Nacheinander wurden dann noch 3 Geschwister, also insgesamt 6 Welpen geboren. Alles problemlos. Luna hat das, trotz ihres jugendlichen Alters (der Tierarzt schätzte sie auf ca. 1 Jahr oder jünger) prima und instinktsicher gemeistert.
Zum Schluss lagen alle erschöpft in dem Korb, den wir in die von Luna gegrabene Kuhle gestellt hatten.

Am nächsten Morgen wollten wir die Hundefamilie auf dem Hafengelände an einen, unserer Meinung nach besser geeigneten Platz umsiedeln. Zuerst wurde eine große Hütte gebaut und bestens ausgestattet. Dann fingen wir an, die Welpen umzusetzen. Luna hat sich das ruhig angeschaut, war aber mit der neuen Behausung gar nicht einverstanden. Sie hat alle Welpen wieder ins alte Lager getragen. Das ging ein paar Mal hin und her, bis wir endlich kapiert hatten, dass sie den von ihr ausgesuchten Platz wollte - nichts anderes.
So haben wir den alten Platz unter Lunas genauester Kontrolle sicherer eingerichtet und Luna war höchst zufrieden.

In den darauf folgenden Tagen war immer jemand in der Nähe. Es hatte sich natürlich schnell herumgesprochen, dass es Welpen gab. Und die finden ja alle süß, so lange man sonst nichts damit zu tun hat.
Alle im Hafen, Stammgäste und Besucher haben großen Anteil genommen, vor allem eine Signora aus Bologna hat sich liebevoll um die junge Familie gekümmert.
Da es allerdings von der Hafenleitung nicht erwünscht war, dass sich herrenlose Tiere auf dem Gelände befanden, wurde die Situation mit jedem Tag schwieriger. Man musste damit rechnen, dass jemand kommen würde und sie umbringt oder irgendwo anders aussetzt. Wir konnten uns das kaum vorstellen. Aber so ist das nun mal. Das hieß, die Tiere mussten weg.
Nachdem wir vergeblich einen Platz in der Nähe gesucht haben, wo sie bleiben konnten, hatten wir uns entschlossen, vorzeitig abzureisen und alle mit nach Deutschland zu nehmen.
Dank der Signora aus Bologna, die die örtlichen italienischen Gegebenheiten/Verhältnisse natürlich besser kannte als wir "Neulinge", durfte die Hundefamilie bis zu unserer Abreise im Hafen bleiben. An dieser Stelle möchten wir ihr ganz herzlich danken. Ohne sie wäre es uns sicher nicht gelungen, dass die Hunde geduldet wurden.

Am 25. August ging's dann auf die große Reise nach München.

Alle, Luna wie auch die Babys waren während der langen Heimfahrt nach München ganz geduldig und brav.
Endlich angekommen, wollten wir Luna und ihre Welpen in unsere Wohnung bringen. Da Luna jedoch in Italien immer aus den Häusern getrieben worden war, wollte sie nicht ins Treppenhaus. Sie hatte panische Angst. Wir haben uns dann entschlossen, zuerst die Welpen hinein zu tragen und Luna folgte sofort ihrem Nachwuchs, zwar mit großer Sorge, aber die Babys alleine lassen kam natürlich nicht in Frage. Schon nach ganz kurzer Zeit hatte sich Luna daran gewöhnt in einer richtigen Behausung zu leben und hatte gelernt, dass man sich dort ganz frei bewegen darf. Sie war glücklich. Vor allem auch, weil sie ihre Babys immer sicher und gut aufgehoben wusste. Die Kleinen hatten ihre Kinderstube in unserem Badezimmer bezogen. Luna konnte immer hinein, wann sie wollte. Mit zunehmendem Alter der Kleinen, wollte sie das allerdings immer seltener. Sie war froh, Ruhe von der Meute zu haben. Um Luna zu unterstützen, haben wir schon bald zugefüttert. Das hieß alle 2 Stunden - tags und nachts - aufstehen und Essen zubereiten.
Von Tag zu Tag sind die Racker gewachsen, fideler geworden. Das Essen sowie die Spielrunden, bei denen regelmäßig unser Wohnzimmer zerlegt wurde, haben sie nachdrücklich eingefordert.

Während dieser Zeit hat sich unser Bekanntenkreis stark verändert. Einige alte Freunde sind geblieben (nicht alle - viele hielten uns für verrückt geworden), aber es sind vor allem viele neue dazugekommen. Wir hatten täglich ein volles Haus mit Besuchern und den zukünftigen Familien, die ihre Welpen besuchten.
Wir waren eigentlich schon entschlossen gewesen, Luna zu behalten. Aber schon die erste Familie, die zu uns kam hatte sich sofort in ihr liebenswürdiges Wesen verliebt und Luna ging gleich freudig auf sie zu. So haben wir entschieden, sie dorthin zu geben. Vor allem auch, um ihr ein ständiges Hin und Her zwischen Italien und München zu ersparen und ihr ein stabiles Umfeld zu geben. Durch diese und spätere, ähnliche Erlebnisse erstaunt es uns immer wieder, wie glücklich die Hunde mit ihrer Ankunft sind. Es scheint fast, als ob sie wüssten, dass sich nun ihr Leben positiv verändert hat.
Nun wollten wir ein Baby behalten. Wir hätten es niemals fertig gebracht alle wegzugeben. Da Gina ihrer Mama am ähnlichsten war, haben wir uns für sie entschieden. Nur wer einmal Hundebabys abgeben musste, kann nachvollziehen, wie schwer das ist, nur eines auszuwählen. Sie wachsen einem einfach alle ans Herz.


Die nächsten Wochen haben wir mit den 7 ganz intensiv verbracht, Ausflüge gemacht, auf Wiesen und Felder, zum See, zu den zukünftigen Familien, mit dem Auto und zu Fuß.

Am lustigsten waren die kurzen Spaziergänge um das Haus. Luna vorneweg und die ganze Mannschaft im Sauseschritt hinterher.

Obwohl diese Zeit für uns sehr anstrengend war, haben wir sie genossen - auch Luna. Sie hat von den Babys das Spielen und Raufen gelernt. Normalerweise lernen die Babys von der Mama. Bei uns war es umgekehrt. Luna kannte das alles nicht. Hier will ich kurz die Geschichte mit dem Kauknochen erzählen: Luna hatte in Italien Dinge wie Bälle, Knochen etc. immer vergraben. Es waren übrigens soviele, dass Gina noch nach einem Jahr diese Vorräte fand. Wir dachten, hier in unserer Wohnung ginge das nicht und haben ihr einen großen Knochen gegeben, in der Küche, und geschmunzelt, was sie nun damit tun würde. Für uns gab es keine Möglichkeit zum Verstecken. Aber als wir ins Wohnzimmer gingen, mussten wir feststellen, dass wir sehr viel dümmer waren als Luna. Sie hatte beim Eingraben des Knochens unseren größten Blumentopf ausgeleert und die Erde im Wohnzimmer verteilt.

Die Zeit war schnell vergangen und die Tage des Abschieds nahten. Wir hatten beschlossen jeweils immer nur einen Hund abzugeben - zum Schluss die Mama, die allerdings schon während der ganzen Zeit über immer wieder mit ihrem neuen Herrchen spazieren ging und ihr neues Zuhause inspizierte.
Wir waren traurig. Obwohl wir alle Familien inzwischen gut kannten, fiel es uns sehr schwer, unsere "Babys" herzugeben. Getröstet hat uns immer, sie in guten Händen zu wissen.

Viele fragen uns, ob denn Luna nicht um die Babys getrauert hat. Nein, sie war froh, dass sie so langsam, einer nach dem anderen weg waren. Sie hat es genossen, endlich bei ihrem neuen Herrchen, den sie abgöttisch liebt, zu sein und endlich auch im Mittelpunkt zu stehen.

Nachdem uns auch Luna verlassen hatte, blieb Gina, die unsere amore geworden ist.

4 Jahre später, ist unsere Gina selbst Mama geworden. Wir hatten bei Luna nur die Geburt miterlebt. Die Zeit der Schwangerschaft erst bei Gina. Mit diesem Wissen um die Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit einer trächtigen Hündin, erscheint es uns noch um ein vielfaches grausamer, dass manche Menschen die werdenden Hundemütter einfach irgendwo "entsorgen". Umso bewundernswerter ist es, dass Hündinnen wie Luna diese ganze schwere Zeit so gut meistern und dabei so liebenswert und den Menschen zugetan bleiben.

Danke Luna!
Für unsere Gina und für all die neuen Erfahrungen und Erlebnisse, die wir dir zu verdanken haben.

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